„Der Islam gehört zu Deutschland“

Posted on 7. Mai 2012

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„Armer Herr Gauck“ fällt mir dazu nur ein und: Schade, dass er ausgerechnet bei diesem Thema seinem Vorgänger widersprechen muss. Interessant, was ein einziger Satz bewirken kann – und wie sich die Mehrheitsgesellschaft, damit so schwer tut, wo sie doch eigentlich die Schuld an misslingender Integration den Zu-Integrierenden zuschreiben will. So trefflich ist es in der gestrigen Frankfurter Rundschau analysiert:

„Ihm ging es um die kulturelle Beschaffenheit der Gesellschaft. Er sagte nicht „Die Christen gehören zu Deutschland, die Juden gehören zu Deutschland und die Muslime gehören auch zu Deutschland“, sondern: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Dieser Satz holte den Islam aus dem Hinterhof. Er gestand ihm zu, was wir auch anderen Bekenntnissen zugestehen: Präsenz und Prägewirkung im öffentlichen Raum. Er beschrieb damit mehr als die Toleranz gegenüber individuellen Vorlieben in Glaubensfragen. Er beschrieb Zuwanderung in ihren politischen Folgen, vor allem: Er akzeptierte sie. Erst durch Anerkennung ihrer gemeinsamen Glaubens-Identität vermittelte er den Muslimen das Gefühl individueller Akzeptanz.“ (Quelle: Frankfurter Rundschau)

Diejenigen, die immernoch die Realität wahrhaben wollen und mit dem schon begrabenen Modell der „Gastarbeiter“ leben, versuchen diesem Satz eine historische Interpratation zu geben, damit sie ihr widersprechen können. Das sieht auch der Grünen-Politiker Omid Nouripour so:

„[…] ist die Historisierung der Integrationsdebatte zutiefst widersinnig, weil sie automatisch in der Frage münden muss, wer zuerst da war. Da sich allerdings aus der Antwort auf diese Frage keinerlei Privilegien ableiten lassen dürfen – schließlich gibt es die bereits genannte grundgesetzliche Gleichstellung aller Religionen -, führt sie nur zu einer gefühlten Benachteiligung. „Wir Christen“ waren schon immer da, was wollen „die Neuen“ jetzt auch Gotteshäuser bauen?“ (Quelle: Frankfurter Rundschau, „Gauck in der Sackgasse“, 04.06.2012).

Diese künstliche Trennung von „Islam“ und „Moslems“ und wer nun davon „dazugehört“ und wer nicht, ist einfach eine Diskussion, die nur die unterschwellige, sarrazinische Ausländerfeindlichkeit stärkt und die moslemischen Menschen in Deutschland irritiert, Nouripour dazu:

„Und das subjektive Gefühl, dass die eigene Identität von der Mehrheitsgesellschaft nicht abgelehnt wird. Das ist Gaucks zweiter Irrtum: Für einen Muslim, zu Deutschland gehörend, gehört der Islam zu seiner Identität. Also gehört für ihn auch der Islam zu Deutschland. So einfach ist das, so schwer ist eine historizistische Trennung von Muslimen und Islam zu vermitteln.“

Laut einer Meldung der deutschsprachigen Internetausgabe der Zeitung SABAH ist der amtierende hessische Ministerpräsident dem Bundespräsidenten bei diesem Punkt schon etwas voraus, auch wenn er damit seine christdemokratischen Parteifreunden in Erklärungsnot bringt:

Auf der Verleihung des Avicenna-Preises in Frankfurt am Main – dieses Jahr an Frau Shirin Ebadi – hat Volker Bouffier tatsächlich die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Wulf „Der Islam gehört zu Deutschland“ bestätigt. Dieser so selbstverständlich klingende Satz wird die Debatte in Deutschland noch eine Weile verfolgen.

Ausgerechnet Volker Bouffier. Bei den Ermittlungen gegen die NSU gibt es auch Ungereimtheiten, die unter die Zuständigkeit des Innenministeriums fallen – Bouffier war damals hessischer Innenminister. Er hat sich also anders geäußert – differenzierte. Darauf kommt es an:  Der Islam gehört nicht zur kulturellen Entwicklungsgeschichte Deutschlands wie das Christentum. Jedoch ist sie Teil der gegenwärtigen, deutschen Realität.

Nur wer dies erkennt und annimmt, kann auch die Probleme und Herausforderungen, die dies mit sich bringt, lösen.

Nachtrag: Leider kann Herr Volker Bouffier nicht mehr als positives Beispiel genannt werden, da er im NSU-Fall nicht nur verantwortlich war, sondern aktiv die Befragung des am Kasseler Mordfall beteiligten Verfassungsschutz-Mitarbeiters verhinderte.

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