Semah – Symbol für Klarheit und Natürlichkeit

Posted on 11. Mai 2012

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Semah - Symbol für Klarheit und Natürlichkeit

Semah – Symbol für Klarheit und Natürlichkeit

Wenn wir über das Alevitentum reden, so müssen wir mit dem Begriff „Semah“ beginnen. Dieser leitet sich vom Arabischen ab und bedeutet „hören“, „wahrnehmen“. Semah wird in den Cem-Zeremonien praktiziert. In ihnen findet man eine perfekte Kombination von rhythmischer Musik und gestisch-mimischen Handlungen. Vom Ursprung her lassen sich die Semahs, die als ein Teil der Gottesandacht verstanden werden, auf gleiche Entstehungsgründe zurückführen, wie wir sie auch bei rituellen Tänzen anderer Glaubensgemeinschaften vorfinden, falls diese bei ihnen erlaubt sind.

Gleichwohl unterscheidet sich der Semah bei den Aleviten von rituellen Tänzen anderer Glaubensgemeinschaften erheblich. Dies muss in aller Deutlichkeit hervorgehoben werden. Über die Tatsache hinaus, dass der Semah einen transzendenten Zustand aufzeigt, beinhaltet er doch die Vorführung von in bestimmten Maße kontrollierten Gefühlen der Seelen – die diesseitige und jenseitige Welt betreffend – unter Hinzufügung ästhetischer Gesichtspunkte.

Der Semah beginnt in der Cem-Zeremonie mit dem Zusammensein einvernehmlicher Menschen unter der Baglama- und Gesangbegleitung eines Zakir. Die semahtanzenden Seelen fühlen die alevitische Lehre auf der Grundlage von Liebe zum Menschen und zur Natur in ihren Körpern. Somit entsteht eine Sentimentalität, die sich nach den mehraktigen Ritualen in der Cem-Zeremonie aufstaut, zusammenfindet, entsteht eine Bewegung. Diese wiederum mündet in den Semah, wenn Rhythmus und Melodie sich vereinigen und sie dirigieren.

Bei den semahtanzenden Seelen in der Cem-Versammlung stehen die Gefühle, sich im Sinne der alevitischen Lehre „rein“ zu halten, sich für Semah würdig zu erweisen und das daraus gewonnene Glück zu empfinden im Vordergrund. Alle diese Gefühle resultieren letztlich aus der Maxime, dass kein Seelenherz gebrochen weden darf, das heißt der Gläubige darf seinem Nächsten keinen Seelenschmerz zufügen. Dies ist das Prinzip, dem man zu folgen hat. […]

In der alevitischen Lehre begreift man den Semah als einen Dienst. Jeder der sich zum Semah erhebt, erweist einen Dienst. In diesem Sinne ist der Semahtanz einer der 12 Dienste in der Cem-Versammlung. Diejenigen, die an dem Semah-Ritual teilnehmen wollen, beginnen den Semah, indem sie sich zuerst vor dem Dede (Geistlicher, die die Cem-Versammlung leitet), vor den Anwesenden und voreinander verbeugen. Danach bewegen sie sich allmählich unter der Musikbegleitung wie die Kraniche, die sich in Reihen aufstellen. Das Tempo wird langsam gesteigert. Alle Anwesenden fühlen mit den Tanzenden. Zwischenrufe wie „Es soll nicht zum Zuschauen geschehen, sondern für Gott“. Die Körper berühren sich nicht. Der Zakir bestimmt das Tempo. Nach dem das Finale erreicht ist, beruhigt der Zakir die Kolonne der Semahtanzenden. Diese bilden dann einen Halbmond und setzen sich wieder auf ihre Plätze, nach dem der Pir ein Gebet ausgesprochen hat.

Der Semah ist ein Ritual, das die organische Einheit vor, während und nach der Cem-Versammlung zwischen den Seelen herstellt. Dass versucht wird die Zahl der Frauen und Männer in der Cem-Versammlung gleich zu halten, dass sichzum Semah Erhebende kein einheitliches Kostüm tragen und dass der Semah, je nach Region, deutliche Diskrepanzen aufweist, gehört zu den spezifischen Merkmalen des Semah.

Auch wenn die außerhalb der Cem-Versammlung vollzogenen Semahs ihrer Form nach wie der Semah ausschauen mögen, können sie nicht mit dem Semah au sder Cem-Versammlung gleichgesetzt werden, da bei ihnen die weiteren vorbereitenden Rituale der Cem-Versammlung fehlen. Der Semah kann nicht beliebig, je nach Laune vollzogen werden. Vielmehr ist er das Gegenstück eines mediativen Wegs, der in die stillen Tiefen menschlichen Geistes führt. Es lässt sich sogar sagen, dass der Semah die Umsetzung der guten Gefühle in körperliche Bewegungen ist. Außerdem gib es beim Semah nicht die Befürchtung, irgendjemandem gefallen zu müssen, wird er doch nicht zur Schau gestellt, sondern vielmehr für Gott vollzogen.

Die Semah-Melodien sind wunderbare Glanzstücke, die den normalen Volksliedmelodien sehr ähnlich sind, und sich dennoch von ihnen inNuancen unterscheiden. Eine andere Eigenschaft der Semah-Melodien besteht darin, Unterschiedlichkeiten im Tempo aufzuweisen. Ein Semah beginnt mit langsamen Tempo, das allmählich gesteigert wird. Man kennt hierbei vier Phasen. Auffällig ist auch der Rhythmus. er kann als 4/4, 5/8, 7/8 und 9/8 vorkommen. Die Variationen im Tempo und die Reichhaltigkeit im Rhythmus zeigen, wie hochentwickelt die Musik ist. [Faysal Ilhan,  Quelle: „Das Epos des Jahrtausends“]

Annemarie Schimmel berichtet, dass es bereits 867 in Bagdad einen Raum für „sama“, „das mystische Lauschen auf Musik, wo man sich hin und wieder versammelte“. Jedoch betont sie auch, dass diese Veranstaltungen nichts mit dem späteren Ritual zu tun hätten (Quelle: „Sufismus“, A. Schimmel)