1. Cem-Zeremonie – Die Analyse

Posted on 20. Mai 2012

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Blumen

Wer die Aleviten kennenlernen will, muss sich auch mit dem sogenannten „Cem“ beschäftigen. Es ist der Gottesdienst der Aleviten und in diesem finden sich alle angestrebten Werte wieder. Es enthält unterschiedliche Elemente. Es auf einen Gottesdienst, bei dem ein Prediger sein „Wort zum Sonntag“ spricht zu reduzieren, wäre falsch. Vielmehr handelt es sich um eine Versammlung, die das Ziel hat die Harmonie in der Gemeinschaft zu erzielen und somit die Kräfte und Sinne auf das Wesentliche zu fixieren. Hier schließen Streithähne wieder Frieden und hier lernen die Jungen von den Alten. Der Cem ist auch der Schlüssel zur Zugehörigkeit: Wer anderen Schaden, sich nicht an die gemeinschaftlichen Regeln hält, wird vom Cem ausgeschlossen.

Bei der Betrachtung der Cem-Zeremonie möchte ich gerne auf den von mir geschätzten Dr. Robert Langer von der Uni Heidelberg hinweisen. Er hat sich ausgiebig mit der alevitischen Geschichte und der Entwicklung der Cem-Zeremonie auseinandergesetzt. In dem Buch „Aleviten in Deutschland“ von Martin Sökefeld (Anzeige) teilt Dr. Langer die Analyse des Cems ein:

  • Grundmuster und Rahmungen
  • Infrastrukturen
  • Liturgische, kollektiv-kongregationale Performanzen
  • Lebenszyklus-basierte Performanzen (individuenbezogene Übergangsrituale)
  • Kalendarische Performanzen (kollektive Feste)
  • Fallbasierte Performanzen (Krisenrituale)
  • Historische Kontextualisierung und Rezeptionsprozesse

Die ausführliche Beschreibung eines Cem gehört natürlich in ein Buch und würde hier den Rahmen sprengen. Deshalb möchte ich nur auszugsweise aus der Analyse Dr. Langers zitieren.

[…] Insbesondere in der Diaspora wird dies durch die abnehmenden Sprachkenntnisse verstärkt. Der Bereich, der den Laien durchaus offen steht und teilweise von ihnen dominiert wird, ist derjenige der religiösen Dichtung, zu dem Klagegedichte über die Ermordung Hüseyins in Kerbela und über die Leiden der Zwölf Imame ebenso wie religiöse Lieder und Hymnen, die als

  • deyiş“ (von „demek“: sagen),
  • nefes“ (wörtlich „Hauch“, „Atem“) oder
  • duvaz“ imam (persisch für zwölf Imame)

bezeichnet werden, gehören.“ Unter der Zwischenüberschrift „Körper und Räume“ skizziert Dr. Langer folgendes Bild: „Betrachtet man die räumlichen Orientierungen und den Habitus der Teilnehmer in einem alevitischen cem-Ritual, so fällt die Ausrichtung der Gemeinde auf den leitenden „Geistlichen“ ins Auge. Die Gemeinde sitzt dabei in einem Kreis um den „meydan“, wobei der Kreis durch den Sitzplatz des oder der „dedes“ unterbrochen wird. Einerseits sind damit die Ritualteilnehmer auf den Leiter hin ausgerichtet. Andererseits können sich die Teilnehmer über den „meydan“ hinweg gegenseitig ansehen. Die hervorgehobene Position des Ritualleiters soll nach moderner Lesart alevitischer Glaubensvorstellungen vor allem die Bedeutung des Menschen an sich als „Träger göttlichen Lichts“ symbolisieren – der Mensch als „Gebetsrichtung“ und nicht etwa den „dede“ als besonderen Menschen hervorheben. Das Sitzen im Kreis der Teilnehmer soll den Egalitarismus im Ritual betonen, da es hier – abgesehen vom „dede“ keinen hervorgehobenen, räumlich besonders markierten Platz einzelner Teilnehmer oder Teilnehmergruppen gibt.“

An mehreren Stellen weißt Dr. Langer auf eine Herausforderung für die alevitische Community hin: Die Sprache. Die Aleviten waren bisher so pragmatisch, ihre Gottesdienste in der türkischen statt in der arabischen Sprache abzuhalten. So wird die türkische Sprache gewissermaßen als „heilige“ Sprache oder zumindest als „Ursprache“ behandelt, als ob in einer anderen Sprache Inhalte oder Werte verloren gehen könnten. Dies ist schon etwas verwunderlich, da es einen großen Teil kurdischstämmiger Aleviten gibt, die in früheren Generationen ihre Cems kaum auf Türkisch durchgeführt haben können, da sie ja der Sprache gar nicht mächtig gewesen sein können. Wenn der alevitische Glauben und die Philosophie in der Diaspora weitergeführt werden soll, muss langfristig der Transfer in die deutsche Sprache gelingen.

Ein erster Schritt könnten „Kennenlern-Cems“ sein, die zumindest teilweise auf Deutsch gehalten werden. Ein solcher Cem ist zum Beispiel in Frankfurt geplant.

Das wird auch deutlich in meinem nächsten Beitrag, bei dem ich den Cem-Verlauf allgemein skizzieren möchte.