Interreligiöses Chamäleon – Kirche wird zum Cem-Haus

Posted on 24. Mai 2012

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Als ich vor einigen Jahren in Istanbul in der „Haghia Sophia“ war, hat mich das wirklich fasziniert: In einem ‚Gebäude‘ verschiedene Elemente der Abrahamsreligionen. Und ich habe mir gedacht: „Ach, ihr Menschen in aller Welt, seht her, es könnte so einfach sein: Baut einfach so ein Gotteshaus, in das ihr alle gehen könnt, es gibt doch auch nur einen Gott!“

Das bleibt wohl ein frommer Wunsch. Doch Dr. Klaus Thimm schreibt über ein aktuelles Ereignis, das mich an damals erinnert:

„[…] Dass es auch anders gehen kann – und hoffentlich in Zukunft auch immer häufiger gehen wird – wenn eine persönliche Vertrauensbasis besteht, wenn eine Kirchenleitung informiert ist und den Aleviten Verständnis und gar Sympathie entgegenbringt, das zeigt der aktuelle Fall in Mönchengladbach, wo die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) gerade ein freigewordenes Kirchengebäude mit Grundstück an die örtliche alevitische Gemeinde verkauft hat.

Die EmK ist eine der etwa zehn evangelischen Freikirchen, die sich in einer Vereinigung ‚Evangelischer Freikirchen‘ zusammengeschlossen haben. In Deutschland zahlenmäßig kleinere Kirchen, die sich irgendwann in der Vergangenheit von den großen ‚Kirchen der Reformation‘ getrennt haben und in einzelnen Fragen des Glaubens eigene Traditionen pflegen. Nach außen fallen sie in der Regel dadurch auf, dass sie keine sogenannte ‚Kirchensteuer‘ eintreiben lassen, obwohl sie das als anerkannte Körperschaften des öffentlichen Rechts (KdöR) könnten, sondern sich ganz darauf verlassen, dass ihre Mitglieder freiwillig Beiträge zahlen – Beiträge, die bis zu 10% des Nettoeinkommens betragen. […] Auf einer zunächst rein persönlichen Basis hat sich zwischen der AABF/AGD und der EmK ein Verhältnis der Anerkennung und gegenseitiger Wertschätzung entwickelt, das auch in der Berichterstattung der ‚Alevilerin Sesi‘ seinen Niederschlag gefunden hat. Der methodistische Bischof Dr. Klaiber hat die ersten Annäherungen sehr begrüßt – und als er dann zum Vorsitzenden der alle christlichen Kirchen Deutschlands umfassenden Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gewählt wurde, ist er einer Einladung zu der zentralen Gedenkfeier ‚Ağıttan Umuda‘ 2006 nach Köln gefolgt und hat dort mit allen Versammelten gemeinsam gebetet – unter Berufung auf Jesus Christus […]“

So übernimmt die Alevitische Gemeinde Mönchengladbach das ehemalige Gebäude der Evangelisch-Methodistischen Kirche. Zum ersten Mal wird ein Gebäude, das bisher von einer christlichen Gemeinde genutzt wurde, von nun an von der alevitischen Gemeinde genutzt. Natürlich werden die Räumlichkeiten etwas anders aussehen, statt des Kruzifix werden wir das Bild vom Heiligen Ali finden. Trotzdem erbt diese Gemeinde eine interreligiöse Aufgabe – und kann diese hoffentlich im gemeinsamen Dialog erfüllen. So ist dieses Gebäude wie ein „interreligiöses Chamäleon“.

An der Eröffnungsfeier m 2. Juni 2012 nahmen neben Vertretern der Alevitischen Gemeinde NRW auch Dr. Klaiber, Bischof a. D, auch Herr Dr. Thimm und Frau Thimm von der Evangelisch-Methodistischen Gemeinde und Frau Dr. Aksünger teil.

Es bleibt zu hoffen, dass es noch viele ähnliche Beispiele von interreligiösem Wert geben wird. Und vielleicht schaffen wir es doch irgendwann wenigstens einmal zusammen in dem gleichen Haus zu predigen.

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