„Haben Sie denn auch den Koran studiert?“

Posted on 5. Juni 2012

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Baum

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„Sufi“ schrieb eine amerikanische Studentin in den Fragebogen, Spalte ‚Konfession‘, der für das Seminar in Religionsphänomenologie zwecks Statistik ausgelegt war. „Sufi?“ fragte ich. „Was tun Sie denn da?“ – „Nun, wir tanzen Sufi-Tanz, und wir lesen Rumis Gedichte!“ – „Können Sie denn Persisch?“ „Nein, wieso? Es gibt doch Rumi auf englisch!“

Nun, die philologisch getreue Übersetzung von Dschalaladdin Rumis großem Lehrgedicht, dem ‚Mathnawi‘, überträgt zwar den Inhalt korrekt und makellos, läßt aber kaum etwas von der Schönheit der Poesie ahnen; und bei den sehr freien Übertragungen auf Grund englischer Prosaübersetzungen wird ofmals der Sinn verbogen, die wunderbaren Wort- und Sinnspiele übergangen. Ich seufzte.

„Haben Sie denn den Koran studiert?“ fragte ich das Sufi-Mädchen.

Sie sah mich ungläubig an: „Wieso? Wir sind doch Sufis, keine – wie sagt man – Mohammedaner…!“

Ich schüttelte den Kopf. „Ein Sufi ist aber ein muslimischer Mystiker!“ erwiderte ich. „Ach nein, wir lieben alle Religionen. Es kommt doch nur auf die Liebe an…!“ sagte sie strahlend. Noch einmal versuchte ich es: „Was wissen Sie denn vom Propheten Mohammed?“ Wie ich gefürchtet hatte, wusste sie gar nichts über ihn, der für jeden genuinen Sufi der Bezugspunkt seiner Initiationskette, der erste wahre Sufi überhaupt ist. Und so gab ich auf.

Aber was tun, wenn ein vielgelesener Schriftsteller kühn behauptet, dass Goethe, St. Franziskus, Napoleon und viele andere Sufis gewesen seien? Wie kann man da vom allgemeinen Publikum eine tiefere Kenntnis der Geschichte und des Wesens des Sufismus erwarten? Und in der Tat sind die Fragen, was Sufismus wirklich sei und wodurch sich ein Sufi auszeichne, kaum korrekt und allgemeingültig zu beantworten.

Aus: „Sufismus – Eine Einführung in die islamische Mystik“, Annemarie Schimmel, C.H. Beck

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