Dein Jesus war beschnitten

Posted on 27. Juni 2012

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Garten

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Die Richter haben ein Zeichen gesetzt. Ein klares Zeichen. Das Bild verfestigt sich. In diesen Tagen, in denen man hinnimmt wie eine rechtsextremistische Terrorgruppe Menschen aufgrund ihres Hintergrunds ermordete und dabei finanzielle Zuwendungen vom sog. Verfassungsschutz bekam, der sie bei ihren Aktivitäten in Ruhe ließ. In diesen Tagen, in denen ein Bundespräsident sich genötigt sieht klarzustellen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört.

Es ist dieser unterschwellige Rassismus, der punktuell aufpoppt, um gleich wieder zu verschwinden. Dieses „Du bist o.k., aber die Türken sind doch alle Machos und dealen mit illegalen Sachen“-Motiv, das auch bei den ermittelnden Behörden vorherrschte.  Aber wie lange wird es noch dauern, dass diese Fremdenfeindlichkeit aus dem Unterschwelligen erwacht?

Das Landgericht Köln hat entschieden: Die Beschneidung von Jungen durch Ärzte sind als Körperverletzung zu bewerten und damit strafbar.  Die körperliche Unversehrtheit des Kindes sei höher zu bewerten als die Grundrechte der Eltern. Dies unterstellt, dass dem Kind ein körperlicher Schaden mit negativen Folgen bleibt. Genau das Gegenteil ist der Fall: Selbst die Weltgesundheitsorganisation hat inzwischen erkannt, dass nach einer Beschneidung bei Jungen das Risiko für verschiedene Krankheiten sinkt: HIV, HPV, Karzinome.  Außerdem leben die Richter anscheinend in einem Cocon eines demokratischen Religionserwerbs. Faktisch wachsen Kinder in einem religiösen Umfeld (Familie, Freunde) auf, die sie auch religiös prägt. Religion ist keine Partei, die man mit der Volljährigkeit wählt, auch wenn das eine interessante Idee ist. Auch im Christentum wird man noch in der minderjährigen Phase getauft und konformiert.  Wenn die religiöse Selbstbestimmung des Kindes so wichtig ist, müsste man auch diese abschaffen. Die Richter unterstellen außerdem, dass zum Beispiel ein beschnittener junger Moslem nicht mehr konvertieren könnte.

Es ist eine Jahrtausende alte abrahamistische – wenn nicht noch ältere Tradition – die von den Christen nicht praktiziert wird. Das Abendland stellt nicht nur in juristischer Gestalt klar: Moslems und Juden sind anders, sondern sie führen sie an den Rand der Legalität. Denn allein die Anfrage von Eltern bei einem Arzt, ob dieser ihren Sohn beschneiden könne – ist jetzt schon eine Anstiftung zur Straftat. Und wenn der Arzt ausübend Straftäter wird – so werden es die Eltern dann als „Auftraggeber“. Und schon ist wieder die Kriminalitätsrate unter den Ausländern erhöht.

Wofür halten sich die Richter eigentlich? Es ist so einfach als Machtinhaber und Organ der Mehrheitsgesellschaft mit erhobenem Zeigefinger  auf die Minderheiten zu schlagen. Deshalb besinnen wir uns in solchen Momenten unserem anatolischen Verständnis von Toleranz und antworten „Verletze nicht – auch wenn du verletzt wirst“ und „betrachte die 72 Nationen mit gleichem Blick“.  Wir freuen uns dieser Tradition und wissen, dass ihr nicht alle so denkt. Und den anderen – so denn sie überhaupt glauben – antworten wir: „Dein Jesus war beschnitten“.

Andere Meinungen

„Dass eine derartige „Lösung“ die in Sonntagsreden bemühte Floskel von der „jüdisch-christlichen“ Tradition Lügen strafen würde, versteht sich von selbst.“ Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau 3.07.2012

„Beni ilgilendiren tarafı, sünnetin sembolik değeri. Türkiye’de çocuklar sünnet edilirken işin ‚dini yanı‘ çok fazla dillendirilmiyor. Erkek olmaktan, erkekliğe ilk adımı atmaktan söz ediliyor. Bir erkeğin, cinsel organının bir parçasının kesilmesi yoluyla ‚erkekliğe‘ adim atıyor olması çok ilginç değil mi?“  Orhan Kemal Cengiz, 30.09.2011 Radikal Gazetesi

„Kulturanthrophologisch jedenfalls wird man die Reihenimpfungen an Neugeborenen und unmündigen Kindern ja kaum anders lesen können als eine kulturelle Überformung des Körpers und dessen Integration in den derzeit geltenden Plausibilitätsrahmen der jeweiligen Kultur. Ganz im Sinne also von Claude Levi-Strauss. “ Thomas Lentes, 4.07.2012

„Unser Recht kenn dermaßen viele Ausnahmen vom rigorosen Gebot der körperlichen Unversehrtheit – selbst ästhetisch indizierte Operationen bei Unmündigen werden erlaubt -, dass man fragen darf, warum für die religiöse, womöglich gar die auf Tradition begründete Beschneidung nicht auch eine  Ausnahme geschaffen werden soll.“ Thomas Lentes, 4.07.2012, Frankfurter Rundschau

 

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