Buchtipp: „Rebellenland“ von Christopher De Bellaigue

Posted on 3. Juli 2012

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Rebellenland von De Bellaigue

„Rebellenland“ von Christopher De Bellaigue

Der Buchdeckeltext greift zu kurz. Der Autor De Bellaigue steigt über Schicksal der Armenier ein, weil auch dies sein persönlicher Berührungspunkt mit der Türkei ist. Er will der Sache auf den Grund gehen – vor Ort – ungefiltert. So landet er im östlich gelegenen Varto. Doch es ist nicht alles so banal wie Extremisten gleich welches Lagers gerne darstellen. Komplexe historische Verflechtungen findet er und beschreibt die türkisch-kurdische Geschichte des 21. Jahrhunderts aus der Perspektive Vartos. Dabei trifft er auf Menschen, die sind nicht nur kurdisch oder türkisch, sondern auch alevitisch, sunnitisch – manchmal Atheisten.

So schreibt De Bellague:

Dabei ist wohlbekannt, dass Atatürk von 1925 an Zehntausende potentielle Unruhestifter ins innere Exil verbannte, darunter die Kinder Halit Beys und alle überlebende Mitglieder der Familie Scheich Saits. Weniger bekannt ist, dass unter diesen Verbannten auch Aleviten werden, die auf der Seite der Regierung gekämpft hatten, allen voran Mehmet Şerif Fırat selbst. […] Doch die wichtigste Ursache für fortbestehende Ressentiments dürfte der krudeste aller Instikte gewesen sein: religiöser Hass.“

De Bellaigue schafft es sogar die Verknüpfung in die Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland:

Mein Gastgeber ist insofern eine ziemliche Ausnahme, als er sich auf sein Gastland intensiver eingelassen hat als viele andere Vartolus. Sein Deutsch ist praktisch akzentfrei. Obwohl er erst in relativ fortgeschrittenem Alter hierhergekommen ist, hat er die deutsche Kultur und Geschichte kennen und schätzen gelernt – er ertappt sich freileich dabei, wie er darin, vielleicht zwangsläufig, nach Bezugspunkten zu seiner eigenen Geschichte und Kultur sucht. Und dann hat er zwei Kinder hier, die in der Schule Deutsche sind, zu Hause aber Vartolus. Sie garantieren, dass ihm nichts entgeht, was außerhalb seiner Wohnung vorgeht.“

Identitätsfindung spiegelt De Bellaigue mit Blick auf sein eigenes Leben wider:

Ich hatte es nicht nötig, mich selbst anders zu definieren als in Bezug auf meine jeweilige nähere Umgebung, in der ich offensichtlich ein Fremder war. Zugleich sah ich keinen Grund, mich über Dinge aufzuregen, die daheim in England passierten, denn ich war dort nicht mehr zu Hause, und die Vorgänge dort berührten mich nicht. […] Ich stellte fest, dass das Bedürfnis, Dinge weiterzugeben und einzupflanzen und vor allem, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu kultivieren, bei mir auf einmal ebenso ausgeprägt war wie bei den exotischen Menschen, die ich so lange studiert hatte. Und dieselben Instinkte waren auch, wenngleich in subtiler und eleganterer Gestalt, bei meiner Frau vorhanden. Plötzlich waren wir nicht mehr zwei weltliche Mitglieder der Völkergemeinschaft, die sich für die Verwirklichung eines säkularen Lebensentwurfs zusammengetan hatten, sondern Produkte zwei krass unterschiedlichen Kulturen, festgezurrt gleichsam in einem Raum mit zwei unbeschriebenen Tafeln, die darauf warteten, mit den Griffel der Kultur und der Erziehung vollgekritzelt zu werden.“

Und schließt wieder den Kreis in Kreuzberg:

Wie seltsam ist es, wie paradox erscheint es dir – der du doch alles darangesetzt hast, eine staatsbürgerliche Waise zu werden – , dass der Elternteil, von dem du dich losgesagt hattest, dich gleichsam durch die Hintertür und gegen deinen Willen jetzt wieder vereinnahmt.“

Wenn man einen Blick auf die türkisch-kurdische Geschichte im 21. Jahrhundert wirft, gehört eben auch die Arbeitsmigration dieser Menschen nach Deutschland dazu – und selbst das findet in diesem Buch seinen Platz.

Insgesamt ist es ein äußerst lesenswertes Werk, in dem die Ereignisse gut recherchiert, aber trotzdem mit der nötigen Distanz dargestellt werden.

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Posted in: Alevitentum, Bücher