Buchtipp: ‚Iskender‘ von Herrmann Schulz

Posted on 19. Juli 2012

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Ein junger Gastarbeiter lernt in den 60’er Jahren eine deutsche Frau kennen. Nach kurzer Zeit trennen sie sich wieder. Der junge Mann kehrt zurück in die Türkei und absolviert seinen Wehrdienst. In dieser Zeit erfährt er gerüchteweise, sie habe ein Kind von ihm bekommen. Sofort nach seinem Wehrdienst sucht er in Deutschland nach ihr und seinem Kind. Auf großem Umweg findet er das verstörte Kind: „Er konnte dem Jungen jetzt über den Kopf streichen ohne dass dieser aufschrie und sich wehrte wie in den ersten Monaten. Einmal hatte er ihn auf den Arm genommen, als er sich von den Ärzten und Therapeuten unbeobachtet fühlte. Alexanders Körper hatte sich versteift, aber er hatte sich nicht gewehrt und schließlich mit einer Hand nach dem dunklen Schnurrbart gegriffen. In seinen Augen war für einen winzigen Augenblick ein Strahlen gewesen, wie es Asaf noch nie gesehen hatte. Die ersten, einfachen Worte, die Alexander in einem selstsamen Gemisch aus Deutsch und Türkisch mit ihm wechselte, machten ihn glücklich. Heute hatte Alexander ihn angelächelt und war auf dem Hof auf ihn zugelaufen.“

 

Iskender - Herrmann SchulzDie Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und ist sehr authentisch dargestellt. Der Autor Hermann Schulz hat den sozialen Kontext gut recherchiert. Er stellt die zwischenmenschlichen Beziehungen, die hier wachsen, sehr gut dar. Die Leser fühlen das interkulturelle Umfeld der handelnden Personen – und die behördliche Umgangsweise streng nach der Ratio und die menschliche Lösung einer Herausforderung. Dies alles im Umfeld der Gastarbeitermigration ohne an einer einzigen Stelle verallgemeinernd zu sein geschrieben.

 

Ich lese eigentlich nur Sachbücher – nur durch Zufall bin ich auf diesen Roman aufmerksam geworden, insofern ist es keine Kunst, dass ich es als mein „Lieblingsroman“ bezeichnen würde, aber er ist äußerst lesenswert.

 

An ein paar Stellen in dem Roman werden auch „Aleviten“ genannt. Die Person, die als vermutlich alevitisch gilt, geht nach der Erzählung in der Moschee. Im Alevitentum gibt es keine Moscheen (sondern Cem-Häuser), aber es ist realistisch, dass ein alevitischer Hirte im Dorf im Zuge der Assimilation in die Moschee geht. Nur einen kleinen Widerspruch erlaube ich mir zu: „[…] Sie stammt aus dem Islam, aber es gibt auch Alewiten in anderen Religionen,…“ (s. Seite 197). Innerhalb der Alewiten gibt es Anhänger, die sich formal innerhalb des Islams sehen und welche, die sich als eigenständige Religion bewerten. Aber es gibt keine Alewiten in „anderen Religionen“.

 

2007 wurde ein zweite Auflage dieses Romans gedruckt. Das Buch ist erhältlich bei amazon.de (Link zum Buch).

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