„Vaterland oder Turban“

Posted on 4. September 2012

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Der Roman „Schnee“ von Orhan Pamuk ist knapp zehn Jahre alt – lohnt es sich da eine Buchkritik darüber zu schreiben. Ja, denn der Inhalt des Buchs hat seine Aktualität gewahrt. Die Hauptrolle spielt Ka, der aus seinem Exil zurückkehrt, in Istanbul nicht das findet was er sucht und wieder zurück in die alte Heimat Kars kehrt. Dort finden bald Wahlen statt – und junge Frauen begehen reihenweise Selbstmord. Dort trifft er seine „alte“ Liebe Ipek. Kars ist von Schnee umschlossen und die Ereignisse überschlagen sich…

Pamuk versteht es den Leser in die verschiedenen Perspektiven seiner Figuren zu versetzen. Die Geschichte trägt sehr viel Gesellschaftskritik, aber ohne selbst parteiisch zu sein. Lässt sich der Leser darauf ein, begreift erst Recht die Komplexität der Verhältnisse. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel, die heißen z. B. „Politischer Islamist – ist ein Name, den uns Leute aus dem Westen und Säkularisten gegeben haben“, „Ich diskutiere meine Religion nicht mit einem Atheisten“, „Wenn es Gott nicht gibt, was ist dann der Sinn all der Qualen, die die Armen durchmachen?“ und „Vaterland oder Turban“.  Wie aktuell in einem Interview krtisiert Pamuk die Überheblichkeit der Oberschicht.

Auch das Volk wird in seiner charakteristischen Art und Weise dargestellt – in der Erzählung wie der Putsch-Anführer und Theaterschauspieler (welch eine Kombination) Sunay versucht sich für die Filmrolle Atatürks zu profilieren: Im Eifer des Gefechts trat er regelmäßig in den Medien auf, unter anderem gab er auch „fundamentalistischen“ Zeitungen Interviews und sagt z. B. „Sicher kann ich eines Tages auch, wenn das Volk mich dessen für würdig hält, die Rolle des Propheten Muhammed spielen.“ Die den Medien des politischen Islams schreibt man, dass niemand diesem würdig sei, puscht es weiter hoch bis es zu einer „Beleidigung unseres Propheten“ wird. Um die Lage zu beruhigen lässt sich Sunay nun mit dem Koran ablichten. Nun kontern die kemalistischen Kolumnisten „Atatürk habe niemals Fundamentalisten und religiösen Fanatikern nach dem Munde geredet“.  So geht es zwischen den islamistischen und den säkularistischen Medien hin und her – und Sunays Chance die Rolle zu kriegen ist tot. An einer anderen Stelle lässt Pamuk den Dichter Ka sagen:

„Wenn in drei Tagen der Schnee schmilzt und die Straßen wieder offen sind, wird Ankara für das Blut, das hier vergossen wird, Rechenschaft fordern“, sagte Ka. „Nicht weil sie gegen Blutvergießen sind. Sondern weil sie etwas dagegen haben, dass jemand anders als sie Blut vergießt.[…]“

Pamuk nimmt das Ende allerdings durch einen Zeitsprung zu früh vorweg. Das ist zwar einerseits spannend – wie ist es dazu gekommen? Aber dann geht er in der Endphase noch in zuviele nebensächlichen Details. So zieht sich die Endphase der Handlung sehr. Außerdem ist die Erzählperspektive des Romanschreibers, der auch noch Orhan heißt und dem Dichter Ka nachreist etwas gekünstelt.

Der Roman ist erhältlich bei amazon.de

„Schnee“ von Orhan Pamuk

Schnee: Roman

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