Modernisierungspotenzial der Aleviten

Posted on 18. September 2012

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modernisierungspotenzial der aleviten

Dr. Gudrun Petasch (Mitte) und Dr. Hüseyin Akpinar (Rechts) stellten Ihr aktuelles Forschungsprojekt vor

Das Amt für Multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt bietet wieder ein vielfältiges Programm in der beliebten „Interkulturelle Wochen“ – dieses Jahr vom 29. Oktober bis 18. November 2012.  In diesem Jahr beteiligte sich auch die Alevitische Gemeinde Frankfurt mit dem Vortrag „Modernisierungspotenzial der Aleviten – aus religiösen Gründen modern?“ am 2. November 2012.

Nachdem Herr Dr. Hüseyin Akpinar die Geschichte der Aleviten kurz zusammenfasste, trug  Frau Dr. Gudrun Petasch den Werkstattsbericht ihres Forschungsprojekts. Das Alevitentum ist eine unorthodoxe und humanistische Lebensphilosophie, die den Islam mystisch interpretiert. Die Aleviten werden von der islamischen Mehrheit als Häretiker verurteilt. Die Aleviten sehen sich selbst als „modern“ und „fortschrittlich“.

Nach den Ausführungen von Frau Dr. Petasch  intregrieren sie  sich durchgängig problemlos in die moderne westliche Gesellschaft. Demnach leben sie in Deutschland nicht in ghettoartigen Siedlungsstrukturen, sie seien sehr stark bildungsorientiert, erwerbten meist die deutsche Staatsbürgerschaft.

Doch sie gibt zu bedenken, dass dies nicht selbstverständlich sei. Denn die Aleviten haben aufgrund der Verfolgung mehrere Jahrhunderte in anatolischen Bergregionen mehr oder weniger von der Mehrheitsgesellschaft abgeschottet in sehr traditioneller Form gelebt. Sie fragt: „Doch widersprechen sich Tradition und Fortschritt nicht?“

Die Antwort findet sie in Max Webers Analyse – zum Beispiel über die geschichtliche Entwicklung der Hugenotten. Die Hugenotten wurden als französische Protestanten vom katholischen Königtum sowohl aus religiösen als auch aus politischen Gründen bekämpft. Die Hugenotten, die aus Frankreich flohen, wählten in ihren jeweiligen Aufnahmeländern eine demokratische Organisation.

Dr. Petasch weist auf Ähnlichkeiten hin und auf die Entwicklung, die die Aleviten durchgemacht haben:

„Nur durch die Trennung von Politik und Religion konnte die Transformation des traditionellen Alevitentums in die urbane Umwelt gelingen.“

Die Fragen im Anschluss zeigten, dass noch grundlegende Kenntnisse über die Aleviten im Publikum fehlten. So wurden Fragen diskutiert, ob das Alevitentum nun innerhalb oder außerhalb des Islams seien und ob das „Müsahiplik“ (=“Weggemeinschaft“) reformiert werden sollte.  Dabei behandelt das Forschungsprojekt den Modernisierungspotenzial der Aleviten in ihrer Geschichte, nicht das Potenzial in der Gegenwart.

Das Alevitentum in der Diaspora: Aleviten – so deutsch wie die Deutschen oder doch Ausländer?