Interview über die Kenntnis der eigenen Geschichte

Posted on 2. Oktober 2012

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Ausschnitt aus dem Interview mit dem Historiker Erdogan Aydin in der türkischen Zeitung „Radikal“

Der Historiker Erdogan Aydin beschreibt im Interview unter welchen Umständen das Osmanische Reich am I. Weltkrieg beteiligt war.

Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Beteiligung des Osmanischen Reichs am 1. Weltkrieg aus dem „Tiefenstaat“ initiiert worden ist. Was meinen Sie damit?

Aydin: Die Regierungskreise, das damalige Parlament und der Sultan waren über die geheimen Vereinbarungen nicht informiert, auch nicht über den Angriff russischer Häfen. Darüber hinaus wurden insgeheim schon im Inland Militäroperationen vorbereitet.

Frage: War das sogenannte „Komitee für Einheit und Fortschritt“ der Initiator?

Aydin: Es war der Kern dieses Komitees um Talat Pascha, Enver Pascha, Cemal Pascha und Halil Bey.

[…]

Frage: Was war die Ideologie dieses „Komitees für Einheit und Fortschritt“?

Aydin: Es wird zwar das Ottomanentum proklamiert, aber faktisch wird das Türkentum vorangetrieben. Der Unterschied liegt darin, dass das Ottomanentum unterschiedliche Ethnien in seinem Territorium zuließ. Die Beschränkung auf das Türkentum aber grenzt automatisch alle anderen Ethnien aus.

[…]

Frage: Was meinen Sie, wenn Sie sagen ‚das Verständnis für diesen Krieg gibt uns das Wissen für die richtigen Fragen heute‘?

Aydin: Wenn die Geschichte aufklärt, kann man uns heute nicht vor vollendete Tatsachen stellen – ob das in Kardak (Insel) oder in Syrien ist. Nicht zu wissen, warum die Mehrheit der Türken Sunniten sind, was den Griechen, Armeniern und Aleviten angetan wurde, ist eine Eigenheit eines Volkes, das seine Geschichte nicht kennt. Die Vorreiterrolle der Türkei im Nahen Osten zu wünschen gleicht einer Kriegserklärung. Das kann das Volk nur verstehen, wenn es seine Geschichte, zumindest das Ende des Osmanischen Reiches kennt.

(Quelle: Radikal Zeitung vom 24.09.2012)

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