Haci Bektas-i Veli und die Christen

Posted on 6. Oktober 2012

1


Aus der „Vilayetname“*: „Auf der Reise von Ürgüp nach Kayseri besuchte Haci Bektas das christliche Dorf Sinason. Eine Frau aus diesem Dorf bietet Haci Bektas entschuldigend ein Roggenbrot an, weil sie ihr nichts anderes bieten kann: „Auf unseren Feldern wächst kein Weizen.“ Haci Bektas antwortet: „Von nun an werdet ihr Roggen säen und Weizen ernten“, was die übermenschlichen Kräfte von Haci Bektas zeigen soll.

Ebenfalls in der „Vilayetname“: Haci Bektas schickte einem christlichen Priester einen Sack voll Weizen, weil die Region in der der Priester lebte von Hungersnot bedroht war. Der Derwisch, den Haci Bektas zum Priester schickte verkaufte auf dem Weg das Weizen und füllte stattdessen Stroh und Sand in einen Sack. So ging er zu dem christlichen Priester, der ihn herzlich empfing. Der Derwisch merkte schnell die Tugendhaftigkeit des Priesters und wünschte sich insgeheim: „Wäre er doch ein Moslem.“ Der christliche Priester, der diese Gedanken irgendwie spürte sagte: „Selbst wenn ich ein Moslem wäre, hätte ich nich den mir anvertrauten Weizen verkauft und den Sack mit Stroh gefüllt.“ Der Derwisch senkte vor Scham seinen Kopf.

Auch aus der „Vilayetname“: Ein Kadi, der Anhänger der Lehre Haci Bektas‘ war, machte sich mit seines gleichen auf den Weg um Haci Bektas zu besuchen. Auf dem Weg begegneten sie einer Schweinehorde. Ohne auf die Warnungen vom Kadi zu hören, fingen sie ein Ferkel und hingen ihm Glöckchen ans Ohr um es zu verspotten. Als das Ferkel zurück zu seiner Horde ging, machte sein Glöckchen solche Laute, dass die Schweine sich entfernten. Als die Reisenden später zu Haci Bektas gelangten, erwiesen sie ihm die Ehre. Aber was hatte Haci Bektas bloß in seiner Hand: das Glöckchen des Ferkels. Die Moral aus der Geschichte ist: „Ein Derwisch muss barmherzig zu allen Geschöpfen sein“.
Übrigens handelt es sich hierbei nicht um Wildschweine sondern um Zuchtschweine, die den christlichen Gemeinden gehörten.

Haci Bektas war zweifelsohne Moslem, und er war seinem Glauben zutiefst verbunden, aber in der „Vilayetname“ gibt es keine Passage, die die Sultane preist, die ihre Schwerter zogen. Christliche Gemeinschaften und die Bektaschi-Derwische scheinen es geschafft zu haben friedlich miteinander und in gegenseitigem Respekt zu leben.

Haci Bektas vollbrachte eine Wundertat im Dorf Sinason, aber er forderte die Dorfbewohner nicht dazu auf ihren Glauben zu wechseln. Eine wichtige Tatsache ist hier zu unterstreichen: wie man auch aus den Eintragungsbüchern entnehmen kann, bilden die Christen bis zur ersten Hälfte des 16. Jhs. die Mehrheit des Dorfes.

*) „Vilayetname“ ist ein Werk, das Leben und die Lehre Haci Bektas-i Velis darstellt.

Quelle: „Bektashi’s in the light of ottoman deed and tahrir books“ aus der Forschungszeitschrift über Alevitentum und Bektaschitentum 3/2010

Advertisements