Historie: Wurde Cemalettin Celebi ermordet?

Posted on 7. Oktober 2012

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In der offiziellen Lesart heißt es:

„Ahmet Cemalettin Celebi wird auf Vorschlag von Mustafa Kemal am 23. April 1920 in das Türkische Parlament gewählt und zwei Tage später zum 2. Vorsitzenden des Parlaments. Vier Monate hat er diese Position inne bevor er am 17. August 1920 das Amt niederlegt“.

Angeblich soll er dann noch 20 Monate krank zuhause gepflegt worden sein bevor er am 20. Januar 1922 gestorben sei. Doch über den genauen Todestag gibt es Irritationen. In der Sterbeurkunde steht der 17.11.1922. In der Meldung seines Enkels Feyzullah Ulusoy ist der 07.01.1922 angegeben. Das könnte auch ein Lesefehler sein, jeweils „1“ und „0“ vertauscht. Der Untersuchungsausschuss des Türkischen Parlaments ermittelte den 20.01.1922.

Die inoffizielle Version ist durch nichts belegt. Demnach stellt sich di eSituation nach den Erinnerungen des führenden Mitarbeiters des türkischen Nachrichtendienstes Hüsamettin Ertürk anders da:

Cemalettin Celebi hatte sich im Türkischen Parlament (TBMM) als Oppositionsführer positioniert. Einige Gruppen sog. „Yörüken“, „Sufis“, „Kizilbasch“ unterstützten ihn wohl […] Vor der Erneuerung des Parlaments ruft Mustafa Kemal Hüsamettin Ertürk, der auch Bektaschit ist, zu sich. Er solle die Bektaschiten besänftigen. Im Januar 1920 erinnern Aleviten und Tscherkesen, dass ihnen Autonomie versprochen worden war. Es gibt Gerüchte, dass das die Antwort darauf sei: „So wie wir die Armenier vertrieben haben, werden wir auch euch vertreiben und ausrotten.“ Darafuhin kommt es in Zile (Tokat) zu Unruhen. Der Aufstand schwappt am 15. Mai 1920 über nach Yildizeli (Sivas), Ilisu, Akdag, Mecitözü, Alaca, Sungurlu, Keskin, Bala und Tosya. Mustafa Kemal bittet nun Cemalettin Celebi als Vermittler zu intervenieren. Aber dieser sagt, dass er krank sei und hält sich raus.

1921 springt der Funken über in die Region des Kocgiri-Stammes, die sowieso auf eine Teilautonomie hofften und mit der Antwort, man würde sie vertreiben, nicht zufrieden sein können. Auch in diesem Fall verählt sich Cemalettin Celebi neutral, wobei sein Einfluss auf diese Region sowieso beschränkt gewesen sein dürfte. Villeicht musste er, dass diese Teilautonomie vor dem Befreiungskrieg versprochen worden war, was anschließend nicht mehr gehalten wurde. Dann konnte er die Wut der Menschen verstehen – und hat sich dieses Mal nicht mer instrumentalisieren lassen.

Das türkische Parlament wird neu konstituiert. Ab diesem Zeitpunkt ist der Anteil der Aleviten marginal – wenn überhaupt vorhanden. Mit der Eigenschaft „Alevit“ ist ihnen das Bekleiden politischer Ämfter unmöglich. Nicht nur ihre Kloster werden geschlossen, sondern private Cem-Treffen werden von der Jandarmerie gestürmt.

Der türkische Laizismus trennt nicht Staat und Religion, sondern instrumentalisiert die sunnitische Religion als Machtmittel der Politik. Keine weiteren Konfessionen und Glaubenspraktiken sind erlaubt.  Das „Dorf“ in der türkischen Gesetzgebung als „Ansammlung von Häusern mit einer Moschee“ definiert deklassiert damit ganz geschickt die alevitischen Dörfer.

 

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