Historie: Kocgiri-Untersuchungsausschuss spricht von „Barbarentum“

Posted on 18. Oktober 2012

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KocgiriParlament berät über die Kocgiri-Situation

Am 3. Oktober 1921 gibt es im türkischen Parlament eine Sitzung über die Ereignisse in Kocgiri unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es ist eine kontrovers geführte Sitzung. Emin Bey, Abgeordneter aus Erzincan, macht als Ursache folgende Drohung aus:

„Demnach habe der Gouverneur von Tortum Sakir Bey gegenüber Haydar Bey folgende Provokation geäußert: ‚Euer Glagen liegt in meiner Hand. Wenn ich es will, lass‘ ich euch ausmerzen – wie die Armenier.‘ In dieser Zeit gibt es ein Gefecht in Hacer, das etwa eine Stunde von Imranli entfernt ist.“

Dann ergänzt der Abgeordnete Emin Bey seine Erläuterungen:

„Nurettin Pascha umzingelt den Ort und beginnt zu morden und Frauen zu vergewaltigen. Ich bitte Sie, sehr verehrte Herren, wer könnte angesichts solcher Schandtaten geduldig ausharren? […]“

Im Parlament melden sich Abgeordnete aus der Schwarzmeer-Region zu Wort. Ziya Hursit, Abgeordneter aus Lazistan, erinnert daran, dass Nurettin Pascha und der ‚Hinkende Osman‘ die Grausamkeiten auch gegenüber den Griechen ausgeübt haben, worauf diese im Nachgang benachbarte Dörfer angegriffen hätten. Er fasst dann zusammen, dass sich dieser Nurettin Pascha über die Gesetze hinweggesetzt habe und so schnell wie möglich vom Amt genommen werden müsse.

Kocgiri-Untersuchungsausschuss spricht von „Barbarentum“

Gegen den Widerspruch von Fevzi Pascha und Mustafa Kemal beschließt das türkische Parlament einen Untersuchungsausschuss zu den Vorfällen in Kocgiri zu gründen.  Gleichzeitig wird eine Komission zur „Planung eines teilautonomen Kurdistans mit einem eigenen regionalen Parlament und eigenen Schulen gegründet. Allerdings wird diese Komission nie ihre Tätigkeit aufnehmen. Der Kocgiri-Ausschuss entsendete am 6.10.1921 ins Gebiet. Sie kommen zum Schluss, dass keine Verfahren gegenüber den Inhaftierten aufgenommen. Sie werden durch eine Sonderamnestie freigelassen.

Alisan Bey wird später durch ein Attentat ermordet. Haydar Bey wird zum Bauunternehmer der Eisenbahnstrecke Sivas-Malatya. Am 25.02.1922 wird den Kocgiri-Opfern, deren Dörfer abgebrannt worden waren, 40.000 Lira Entschädigungen bewilligt. Außerdem wurden ihnen landwirtschaftliche Güter zum Anbau zur Verfügung gestellt.

Somit wird schon direkt nach den Ereignissen in Kocgiri – bereits 1921/22 – klar, dass es sich nicht um einen Aufstand der Bevölkerung handelt, sondern wenn überhaupt um Notwehr in einem Massaker. Die türkische Geschichtsschreibung unterschlägt die demokratische Rechtsfindung des Parlaments in dem noch jungen Land.

Der Ausschuss verwendete damals bereits den Begriff „barbarisch„.

Quelle: Die politische Geschichte der Aleviten, Necdet Sarac

 

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