Historie: Cemal Gürsel „Mit dem Alevitentum wäre die Türkei eine weltweit führende Nation“

Posted on 21. Oktober 2012

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In den folgenden Jahrzehnten vor allem in den 1950’er Jahren sind die Aleviten aus finanziellen Gründen immer mehr gezwungen ihre Dörfer zu verlassen. Die Landwirtschaft in den sowieso ertragsschwachen, gebirgiegen Regionen reichen zum Lebensunterhalt nicht mehr aus. Unter den Aleviten verbreitet sich die Devise „Kinder ausbilden“ immer mehr.  Hans-Lukas Kieser beschreibt dies in seinem Vortrag so:

„Bis in die 1960er Jahre war die grosse Mehrheit der ostalevitischen Dorfbewohnerinnen und -bewohner Analphabeten. Sobald eine Dorfschule bestand, schickten die meisten Familien die Kinder mit Überzeugung zur Schule und nahmen oft Entbehrungen auf sich, um ihnen auch einen Mittel- und Hochschulabschluss zu ermöglichen.“

Gleichzeitig war die sog. „Demokrat Parti“ damals auf ihrem Höhepunkt. Doch ab ca. 1957 schwand die Unterstützung und die Partei DP und der Ministerpräsident Adnan Menderes griffen zu härteren Maßnahmen: Politische Konkurrenten wurden verhaftet und Unterstützungsverweigerern mit dem Tod gedroht. Die Student(in)en waren bereits auf den Straßen. Gegenseitige Mordanschläge gegen die jeweiligen Parteivorsitzenden Menderes (DP) und Inönü (CHP) und ein vermeintlicher Parlamentsbericht über Ungereimtheiten bei der CHP brachten das Fass zum Überlaufen. Das Militär griff ein: Der 1. Militärputsch der Türkischen Republik erfolgte am 27. Mai 1960.

Über diesen Putsch muss man sich nicht wundern. Inönü war ein Weggefährte Mustafa Kemals gewesen, dessen Heimat wiederum das Militär gewesen ist. Die Wählerschaft nahm der CHP übel, dass sie diesen unkonventionellen Weg gegangen war statt dem demokratischen Weg der Neuwahl.

Staatspräsident wird Cemal Gürsel

Das Komittee zur Nationalen Einheit, das mit dem Putsch vom Militär eingerichtet wurde, setzte Cemal Gürsel als Staatspräsidenten ein. Gürsel hatte die Militärschule absolviert und hatte bereits im 1. Weltkrieg als Leutnant gedient. Er geriet in britische Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr hatte er sich Mustafa Kemal angeschlossen. 1958 war er zum Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte ernannt worden. Er war vom 28. Mai 1960 bis zum 26. Oktober 1961 sowohl Ministerpräsident als auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Türkei.

Cemal Gürsel lud als erstes alevitische Volkssänger wie Asik Veysel in sein Anwesen ein. Kurze Zeit später tauschte er sich auch mit einer alevitischen Delegation aus. Infolgedessen wird es rechtlich möglich einen Verein mit dem Namen des Haci Bektas-i Veli zu gründen.

Bereits 1962 erklärt er öffentlich, dass die Aleviten benachteiligt werden und dass es Vorurteile in der Bevölkerung gibt. Laut einem Interview von Mustafa Timisi in der türkischen Zeitung Radikal soll Cemal Gürsel damals zu ihnen gesagt haben:

„Heute denke ich wie ein Alevit. Wenn Sultan Selim I. statt dem sunnitischen den alevitischen Islam als Staatsideologie gewählt hätte, wäre die Türkei heute eine weltweit führende Nation.“

Cemal Gürsel war noch bis zum 18. März 1966 Ministerpräsdient der Türkei bevor er aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat.

 

Weiter zu:  Über „alevitische Tische“ und das „Auslöschen von Kerzen“

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