Historie: Über „alevitische Tische“ und das „Auslöschen von Kerzen“

Posted on 22. Oktober 2012

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Die Geschichte der Türkei zeigt, dass die Ausgrenzung immer wieder von den sunnitschen Geistlichen betrieben wird. Die sunnitische Bevölkerungsmehrheit folgt ihr. Dieses wird manchmal mehr manchmal weniger von den Staatsoberen eingesetzt – die Disposition ist schon in der Bevölkerung vorhanden. So auch nach dem Militärputsch 1960.

Die sog. „Demokratische Partei“ hatte die islamischen Emotionen in der Bevölkerung entfacht. Die Bevölkerung war also in einem religiösen Zustand. Um diesem Rechnung zu tragen, hatte die Regierung nach dem Putsch die Kompetenzen des Religionsamtes (Diyanet Isleri Bakanligi) erweitert. Unter dem Ministerpräsidenten Ismet Inönü sollte 1963 neben vielen anderen auch ein „Direktorium der Konfessionen“ installiert, unter dem auch ein sog. „Alevitischer Tisch“ als gemeinsame Runde stattfinden sollte. Dies sollte eigentlich zur Assimilierung der Aleviten dienen.

Doch sunnitischen Medien und Geistlichen war selbst das schon zuviel. Zeitungen wie „Zafer“ und „Adalet“ hetzten die Menschen mit Schlagzeilen wie „Aleviten tragen ihr Kerzenlöschen [mum söndü] in die Moscheen“. Ein islamischer Rat in Istanbul verurteilte die Gesetzesvolrage aufs Schärfste. Die Vorhaben werden ad acta gelegt.

Doch alevitische Studenten haben sich zusammengefunden, um eine Presseerklärung zu den Vorwürfen zu formulieren. Diese wird auch von den Medien veröffentlicht.

Erste Hacibektas-Vereine werden gegründet

Nach diesen Ereignissen trauchen sich die Bektaschiten – die in der Geschichte immer den Machthabern „näher waren“ – die ersten Vereine zu gründen:  Am 9. November 1963 wird in Ankara der Verein „Hacibektas Kultur, Förder- und Unterstützerverein“ (Hacibektas Kültür, Kalkinma ve Yardim Derne) gegründet und von Herrn Ali Haydar Ulusoy geführt.

Im darauffolgenden Jahr wird ebenfalls in Ankara der Hacibektas Tourismus und Kulturverein (Turizm Tanitma ve Kültür Dernegi) von Ali Celalettin Ulusoy gegründet.  Die beiden Organisationen geben die beiden Mitgliedermagazine „Karahöyük“ (1963) und „Hünkar“ (1965) heraus. Schon 1966 erscheint die erste alevitische Wochenzeitung „Ehlibeyt Yolu“ (Gründer: Dogan Kilic Seyhhasanli).

Während die bisher genannten Publikationen die Perspektive der Bektaschiten widerspiegeln, erschien im Juli 1966 zum ersten Mal das Magazin „Cem“, das das alevitische Leben in den Mittelpunkt stellte. Allerdings fokussieren diese Publikationen das Türkentum stark – allein aus Verteidigungsreflex und zur Erlangung von Akzeptanz.

 

Weiter zu: Das Massaker von Maras

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