Historie: Das Massaker von Maras

Posted on 29. Oktober 2012

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Das Pogrom von Maraş, auch Kahramanmaraş-Massaker genannt, ereignete sich vom 19. bis zum 26. Dezember 1978. Schon am 3. April 1978 war der alevitische Dede Sabri Özkan von Rechtsextremisten ermordet worden. 

„Alles begann damit, dass im „Çiçek“- („Blume“) Kino in Kahramanmaraş der Film „Zeynel ile Veysel“ („Zeynel und Veysel“, typisch alevitische Namen) durch den Film „Wann geht die Sonne auf?“ – ein Film mit pro-nationalistischem Gedankengut – ersetzt wurde. Ein Bombenanschlag mit sehr geringer Detonationskraft wurde durch den jungen rechtsradikalen Ö. K. auf das Kino verübt. Die Nachricht „Die Bombe haben linke Kizilbaş (eine andere Bezeichnung für Aleviten) gelegt!“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Umgebung. Am nächsten Tag wurde ein von Aleviten bewohntes Lesehaus bombardiert, und am darauf folgenden Tag zwei sich als Demokraten bekennende Lehrer (Hacı Çolak und MustafaYüzbaşıoğlu) umgebracht. Als am Tag darauf den zwei Opfern das letzte Geleit gegeben werden sollte, wurde die Menge durch Faschisten mit dem Spruch „Den Kommunisten und Aleviten wird das Trauergebet nicht verrichtet!“ angegriffen. Das Fass zum Überlaufen brachte der Imam Mustafa Yıldız mit folgendem Rat:

„Mit Fasten und Beten wird man kein Wallfahrer, wer einen Aleviten umbringt, der gewinnt so viel an Wohltätigkeit, wie wenn er fünfmal nach Mekka pilgern würde. Alle unsere Glaubensbrüder müssen sich gegen die Regierung, Kommunisten und Ungläubigen auflehnen. Wir müssen unser Umfeld von Aleviten und ungläubigen sunnitischen Anhängern der CHP säubern.“

Nachdem sich die Menge aufgelöst hatte und die Särge achtlos liegen gelassen wurden, machte sich die aggressive Masse, die weder durch Sicherheitsleute noch durch die Polizei aufgehalten wurde, auf den Weg, um Geschäfte von Aleviten zu demolieren. Bei den Ausschreitungen verloren drei Menschen ihr Leben. In der Nacht des 22. Dezembers mobilisierten Faschisten in sunnitischen Quartieren die Menschen mit der Hiobsbotschaft, dass am nächsten Tag linke Aleviten einen Anschlag planen würden. Als auch noch einige Mullahs zum „heiligen Krieg“ (Dschihad) aufriefen, erreichten die Ausschreitungen gegen Linke und Aleviten ihren Höhepunkt. Daraufhin wurden in alevitischen Stadtvierteln systematisch Geschäfte angegriffen, Menschen aus ihren Häusern herausgezerrt und auf bestialische Weise massakriert. Frauen wurden vergewaltigt und Kinder und ältere Menschen kaltblütig ermordet. Die Tatsache, dass die alevitischen Häuser Tage zuvor penibel in Nazi-Manier markiert worden waren, erzeugte den Eindruck einer gezielten Meuterei gegen alevitische und linke Bewohner in Kahramanmaraş. An das Ausgehverbot vom 24. Dezember hielten sich nur die Sicherheitsleute und die Polizisten. Obwohl die Situation bereits eskaliert war und Bürgerkrieg herrschte, griffen keine militärischen Kräfte ein.  Unter diesen Umständen konnten die Faschisten mit ihrer bewaffneten Verstärkung ungestört wüten. Die Slogans waren eindeutig:

  • Heute ist der Tag des Dschihad, wer einen Aleviten umbringt, kommt ins Paradies“ 
  • „Bringen wir Aleviten um, säubern wir unsere Heimat von ihnen“
  • „Unser Führer Türkeş ist unter uns, wo ist eurer?“
  • „Geht und ruft euren „Karaoğlan“ (Spitzname des türkischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit),damit er euch hilft; unser Türkeş ist bei uns“.

Laut offiziellen Angaben brachten die drei Tage und Nächte andauernden Anschläge etwa 1.000 Tote  und unzählige Verletzte auf alevitischer Seite hervor.

Während den Ereignissen in Kahramanmaraş stellte CHP die Regierung und Bülent Ecevit war Ministerpräsident der Türkischen Republik. Wegen den Vorfällen wurde über zahlreiche Provinzen ab dem 26. Dezember 1978 um 7.00 Uhr der Ausnahmezustand erklärt und später auf andere Städte erweitert (Istanbul, Ankara, Kahramanmaras, Adana, Erzincan, usw.).Die Prozesse, die in den Gerichten des Ausnahmezustandes eröffnet worden waren, dauerten bis ins Jahr 1991. Es wurde gegen insgesamt 804 rechte und rechtsextreme Personen Anklage erhoben, 29 Beschuldigten wurde die Todesstrafe auferlegt, sieben wurden zur lebenslänglichen Haft verurteilt und 321 Personen erhielten Strafen zwischen 1 bis 24 Jahren. Die Beschlüsse in den Gerichten des Ausnahmezustandes wurden jedoch vom Berufungsgericht verschoben oder aufgehoben und die Todesstrafen nicht vollzogen.

Der Bund der Alevitischen Jungend in Deutschland macht auf folgende Aspekte aufmerksam:

  1. Ökkeş Kenger, der den Bombenanschlag im Kino verübt hatte, wird zum Tode verurteilt, wird aber kurz vor dem Militärputsch 1980 freigesprochen. Unter einem neuen Namen (Ökkeş Şendiller) beginnt er eine glänzende politische Karriere anzustreben: 1989 kandidiert er als Bürgermeister in Kahramanmaraş (gewinnt die Wahl nicht) und wird 1991 Abgeordneter der Partei der Nationalistischen Arbeit (MCP). 1992 gründen er und Muhsin Yazicioglu (Gründer des rechtsextremen „Ülkücü Ocakları Derneği“) die Partei der Großen Einheit (BBP). Später behauptet Şendiller in einem Dokumentarfilm („Şahların Labirenti“), der 2008 auf TRT-1 ausgestrahlt wird, dass Hrant Dink und seine Freunde für das Massaker in Kahramanmaraş verantwortlich seien.
  2. 2006 tauchen im Archiv von Ecevit Dokumente auf, die er Rıdvan Akar und Can Dündar übergibt, bevor er stirbt, welche die Unterschrift des türkischen Inlandsnachrichtendienstes (Millî İstihbarat Teşkilâtı MİT) tragen. Laut diesen Dokumenten wurde das Massaker vom MIT organisiert.
  3. Einige Tage nach den Vorfällen behauptet das Radio France Internationale (RFI), dass der amerikanische Geheimdienst die Finger im Spiel gehabt hätte.

Quelle: Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland e. V.

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