Historie: Ereignisse in dem Istanbuler Stadtviertel Gazi

Posted on 31. Oktober 2012

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Jean-Francois Perouse (Le Monde) beschreibt das Istanbuler Stadtviertel Gazi so:

„Wie viele Menschen in Gazi leben, weiß niemand, selbst der muhtar, eine Art Bürgermeister der Siedlung, kann keine genauen Zahlen nennen. „Wahrscheinlich zwischen 40000 und 60000“, meint er.1 Soviel weiß man jedenfalls: Der Stadtteil, zu dem Gazi gehört, hatte 1965 15000 Einwohner, 1993 waren es 376000. Schon in den siebziger Jahren, als die Talsperre von Alibeyköy gebaut wurde und in dieser Gegend Gewerbegebiete entstanden, kamen die ersten, um sich hier niederzulassen. Seither haben immer neue Zuwanderungswellen aus den östlichen Landesteilen die Einwohnerdichte in der Siedlung erhöht. Nach 1990 beschleunigte sich der Zustrom, vor allem aus der Provinz Tunceli und den umliegenden Regionen (dem kurdischen Dersim). Das Viertel ist weniger kurdisch als vielmehr alevitisch geprägt […]

Ausgangspunkt für die Ereignisse in diesem Stadtviertel war die Nacht vom 12. März 1995: Unbekannte Täter ermordeten einen Taxifahrer und fuhren mit dem gestohlenen Taxi in das mehrheitlich von Aleviten bewohnte Stadtviertel. Aus dem Taxi heraus schossen die Täter wahllos auf Besucher einiger Cafes.  Dabei wurde ein Mensch getötet, weitere 25 Menschen wurden verletzt. Später fand man das Taxi und den getöteten Taxifahrer mit durchschnittener Kehle. Perouse beschreibt die weiteren Ereignisse:

„Unter den Gästen gab es einen Toten, eine altehrwürdige und geachtete Persönlichkeit der alevitischen Gemeinde. Einer der Zeugen der Tat wurde später ermordet. Obwohl das Polizeirevier nur 500 Meter entfernt liegt, wurden die Ordnungskräfte erst zwei Stunden später tätig. Aufgebracht über das zweifelhafte Verhalten der Polizei versammelte sich eine Menge vor dem Polizeirevier, um zu protestieren und die Bestrafung der Schuldigen zu verlangen. Am 13. März, morgens um vier Uhr, riegelten Panzer das Viertel ab und feuerten in die Menge – es gab zwei weitere Tote und einige Verletzte.“

Während die polizeiliche Reaktion auf die Mörder aus dem Taxi auf sich warten ließ, kam die Reaktion auf den Unmut aus der Bevölkerung sehr schnell.

Als Sympathisanten aus anderen Vierteln dazukamen, wurde das Viertel nicht nur umstellt, sondern das Militär übernahm die Kontrolle und eine Ausgangssperre wurde verhängt. Das hinderte die Menschen nicht am 15. März die Beerdigung der Opfer zu einer erneuten Demonstration zu nutzen. Auch im Stadtteil Ümraniye im anatolischen Teil Istanbuls demonstrierten Aleviten, wobei die Polizei ebenfalls vier Personen erschoss. Die Zahl der Ermordeten variiert nach Quelle zwischen 17 und 21 Menschen, etwa 250 Verletzte und viele Vermisste.

Insgesamt 20 Polizisten wurden wegen staatlichen Ermordung von 9 Personen und Körperverletzung von 5 Personen (!!!) angeklagt. Der Prozess wurde aus Sicherheitsgründen von Istanbul nach Trabzon verlegt. Nach 5 Jahren und 31 Verhandlungstagen verkündete das Landgericht am 5. November 2001 sein Urteil: Der Polizist Adem Albayrak wurde wegen der Tötung von vier Menschen zu einer Strafe von 40 Monaten Haft verurteilt. Der Polizist Mehmet Gündoğan erhielt für die Tötung von zwei Menschen eine Strafe von 20 Monaten Haft. Die Strafen wurden nach dem Gesetz zur Konditionellen Haftentlassung zur Bewährung ausgesetzt.