Yildirim: Alevitentum nicht mit sunnitischer Terminologie beschreiben

Posted on 23. November 2012

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Prof. Riza Yildirim

Prof. Riza Yildirim

Auf der Fachkonferenz am 3. und 4. September 2012 „Alevitentum in Deutschland – Geschichte erforschen, Gegenwart gestalten“ bezog sich Prof. Riza Yildirim von der TOBB Universität in Ankara auf die historische Entwicklung. Die Abwanderung in die Städte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Aleviten aus ihren dörflichen Strukturen herausgerissen, in denen die eigene Identität selbstverständlich war. Mit neuen Lebenswelten und Kulturen konfrontiert, wird von ihnen erwartet, dass sie sich erklären. So müssen die Aleviten nun ihre Lehre mit Worten beschreiben, die Nicht-Aleviten auch verstehen können.

Professsor Riza Yildirim forderte von der Wissenschaft, sich nun stärker den ‚unverwässerten‘ alevitischen Traditionen zuzuwenden und sich nicht länger nur auf die Erklärungen zu stützen, die Geistliche seit der Landflucht gegenüber Nicht-Aleviten gemacht haben. Bisher habe man in der Wissenschaft nicht die Begriffe, die im Alevitentum selbst geprägt worden sind, als Ausgangsbasis sondern gegenbe Formen und Begrifflichkeiten, die zu großem Maße aus der sunnitisch-islamischen Tradition stammten. Der Versuch mit diesen Begrifflichkeiten das religiöse Wissen der Aleviten zu erfassen, führe jedoch oft in die falsche Richtung und letzlich auch zu jenen unfruchtbaren Diskussionen darüber, ob das Alevitentum denn nun zum Beispiel eine Strömung, eine Glaubensrichtung oder ein Orden sei.

Auch Prof. Yildirim beklagte den Mangel an schriftlichen Quellen zum Alevitentum und forderte dazu auf, diese immer im Kontext der gelebten Sinngebung durch die Gemeinschaft zu verstehen. Es sei natürlich klar, dass man nicht einer Religionsgemeinschaft angehören müsse, um sich zu beforschen. Aber: Um bestimmte Begrifflichkeiten und Bedeutungsnuancen zu erfassen, sei es hilfreich, sich innerhalb dieser Gemeinschaft zu bewegen.

Er fühle sich als Alevit heute manchmal wie ein einem Labor. Es sei zwar eine sehr aufregende und motivierende Zeit für die Aleviten, aber viele stünden eben auch vor der Schwierigkeit, ihren Kindern die eigene Identitä erklären zu müssen, während diese gerade diskutiert werde.

Quelle:  „IM PLENUM Kompakt“, Herausgeber: Konrad-Adenauer-Stiftung, September 2012

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