„Köln Radyosu“ brisant: Alevitisch-Sunnitische Ehen

Posted on 29. November 2012

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WDR Funkhaus Europa berichtete über sunnitisch-alevitische Ehen.

In der Radio-Sendung vom 27. November wagte sich die „Köln Radyosu“-Redaktion vom WDR Funkhaus Europa an ein brisantes Thema. Denn während in der türkischen Gesellschaft das Gespräch über die Konfessionen geschwiegen wird, auf Anfrage sich alle Beteiligten oft sehr tolerant zeigen, gibt es eine Beziehung, in der doch die Wahrheit ans Tageslicht kommt: Die alevitisch-sunnitische Ehe. Die Redakteurin Songül Kabukcu besucht in ihrem Beitrag das Ehepaar Meryem (46) und Hasan Arzuman (47). Sie ist Sunnitin, er ist Alevit. Meryem Arzuman erzählt, dass ihre Familie zuerst die Heirat verhindern wollte. Und als das nicht gelang, den Kontakt zu ihr komplett abbrach, was für sie selbst eine sehr schwierige Phase gewesen sei. Neun Jahre später als ihr Vater schwer erkrankt sein, sei das Ehepaar auf ihn zugegangen und man habe sich vertragen. Aber auch Hasan Arzuman erzählt, dass seine Familie die Vorurteile auf sunnitischer Seite kannte und schon im voraus ebenfalls gegen die Heirat war – und sich damit genauso intolerant verhalten habe. Ihre Kinder hat das Ehepaar auch aufgrund dieser Erfahrungen sehr tolerant erzogen. Abschließend sagt Hasan Arzuman: „Wo wahre Liebe ist, dürfen Konfessionen kein Hindernis sein.“

Historischer Rückblick

In ihrem Buch „Jenseits des Schweigegebots“*** wirft die Soziologin Handan Aksünger auch einen Blick in die alevitische Vergangenheit: „Heiratsbeziehungen mit Nichtaleviten (Fremden), was prinzipiell tabuisiert war, scheinen demnach vorgekommen zu sein, denn wie die Informaten anmerken, wurde man ‚früher zum Düskün‘ (Gefangener), wenn man eine sunnitische Frau bzw. sunnitischen Mann geheiratet hatte.“

Nicht-representative Umfrage unter Aleviten

Auch Mürvet Öztürk und Ismail Kaplan berichten: „In Deutschland lebende alevitische und sunnitische Familien lehnen ebenfalls in der Regel eine sunnitisch-alevitische Eheschließung ihrer Kinder ab. Junge alevitisch-sunnitische Paare können oft nur unter erschwerten Bedingungen ihre Heiratsabsicht vollziehen.“ In ihrer nicht-repräsentativen Umfrage erhalten sie von Sunniten Aussagen, wonach einige Mischehen nicht befürworten. Andere würden es ihren Kindern freistellen, „sie aber über die Risiken aufklären“. Auch Aleviten antworten, dass sie alevitisch-sunnitische Mischehen für schwierig halten. Manche sind optimistisch und meinen, dass Partner aus Mischehen als Brückenbauer fungieren und so helfen könnten Vorurteile abzubauen.

Religiösität in „Mischehen“ bleibt unverändert

Die innerfamiliäre Erfahrung des Ehepaars Arzuman bestätigte jüngst Prof. Mehmet Balkanlioglu, der zehn gemischte alevitisch-sunnitische Paare in der Türkei einer qualitativen Untersuchung unterzog, auf einer Tagung**: „Familien und Bekannte reagierten oft zurückhaltend oder ängstlich. Prägend sei die Angst, dass das eigene Kind die Religion wechseln und die eigenen Traditionen aufgeben würde. Hingegen gaben alle zwanzig Befragten aus den gemischten Paaren an, ihre Religion nicht gewechselt zu haben. Durch die Beziehung und die Ehe habe sich in ihrem Leben und ihrer Religiosität nichts geändert. Die Kinder werden in der Regel sehr offen zwischen beiden Kulturen aufgezogen.“ Die gesellschaftliche Angst auf beiden Seiten vor Assimilation und Konversion sei daher unbegründet, so der Soziologe.

 

*) Quelle: Mürvet Öztürk u. Ismail Kaplan, „Glaubenselemente im alevitischen und sunnitischen Selbstverständnis“, Hrsg: AABF

**) Quelle: „Alevitentum in Deutschland“, Fachkonferenz am 3./4.09.12, „Im Plenum kompakt“, Konrad-Adenauer-Stiftung

***) Quelle: „Jenseits des Schweigegebots“, Handan Aksünger, Waxmann Verlag, 2013