Muhyiddin Muhammad Ibn Arabi (1165-1240)

Posted on 24. Dezember 2012

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Bei der Betrachtung der alevitischen Lehre  stößt der Betrachter auf die Frage, ob das Alevitentum denn nun innerhalb oder außerhalb des Islams sei. Dieser Frage ist eins vorwegzunehmen: Der pantheistische Glaube in der alevitischen Lehre steht nicht im Widerspruch zum Islam. Denn diese Gedanken haben auch andere nicht-alevitische Sufis, die sonst die Richtigkeit des orthodoxen Glaubenspraxis vertraten.  Einer von ihnen ist Ibn Arabi.

Muhyiddin Ibn Arabi wurde am 28. Juli 1165 in der Stadt Murcia in der damals islamischen Provinz Andalusien geboren. Schon als Junge soll Ibn Arabi außerordentliche geistige Fähigkeiten gehabt haben. Früh schon soll er sich mit dem großen Philosophen Ibn Ruschd (Averroes) ausgetauscht haben. Seine Biographin Claude Addas beschreibt seinen Weg über Nordafrika nach Mekka, wo er 1201 beim Umlaufen der Kaaba eine Vision erschienen sei, deren Inhalt er in seinem Werk Futuhat al-makkiyya (Die Mekkanischen Eröffnungen) festhielt.

Die Einheit der Existenz

Ibn Arabi war es auch der eine ganz besondere Gedichtsform entwickelte: Seine mystischen Erfahrungen verpackte er in Metaphern eines Liebesgedichts. Dieses Stilmittel blieb erhalten. Ibn Arabi reiste viel, z. B. auch nach Anatolien, wo er eine Witwe heiratet, deren Sohn Sadreddin Konevi die philosophische Linie seines Stiefvaters fortführt. Annemarie Schimmel schreibt über Muhyiddin Ibn Arabi:

„Ibn Arabis zentrale Lehre ist wahdat al-wudschud, ‚Einheit des Seienden, der Existenz‘ […] Alles Geschaffene ist irreal, aber jedes Wesen hat ein gewissen Anteil am wudschud, spiegelt etwas von den Gottesnamen wider und kann so mit Ibn Arabis Lieblingsbegriff als ‚barzach‘ bezeichnet werden  – das ist der Isthmus, der zwei Dinge trennt und gleichzeitg verbindet; jedes geschaffene Wesen hat am wudschud und am Nichtsein Anteil. Daher gibt es kaum eine einheitliche Aussage Ibn Arabis zu irgendetwas; denn alles kann von zwei Seiten gesehen werden.“

Vom ‚Vollkommenen Menschen‘

Die Frage, ob das Alevitentum Teil des Islams ist oder nicht kann nicht mit ein paar Beispielen beantwortet werden. Es besteht auch nicht die Absicht das im Rahmen eines Weblogs zu tun. Hier soll nur deutlich gemacht werden, dass das Gottesverständnis und die Art und Weise wie die Aleviten den Islam interpretieren kein Ausschlusskriterium aus dem Islam sein kein, obwohl beispielsweise im Alevitentum die fünf Säulen des Islams keine Rolle spielen. Die alevitische Interpretation kann deshalb kein Ausschlusskriterium sein, weil es bereit früher orthodoxe Moslems gab, die eine ähnliche Interpretation vertraten – wie der hier beschriebene Ibn Arabi. So schreibt Schimmel weiter:

„Ein zentraler Punkt in Ibn Arabis System ist seine Lehre vom Vollkommenen Menschen (al-insan al-kamil). Der Prophet Muhammed, seit Jahrhunderten ein Mittelpunkt mystischer Frömmigkeit, ist das erste, was Gott aus seinem Licht geschaffen hat; er ist gewissermaßen die Nahtstelle zwischen dem göttlichen wudschud und der Menschheit, das Muster für alle Gläubigen.“

Die Stellung der Frau

Und noch etwas kommt uns bekannt vor:

„Ein interessanter Aspekt der Lehren Ibn Arabis ist der hohe Rang, den die Frauen besitzen. Er hatte in Cordoba i seiner Jungend Frauen als Lehrerinnen der Mystik gehabt und wies von daher den Frauen auch die Möglichkeit zu, hohe Ränge in der Heiligenhierarchie zu erlangen. Ja, in einer berühmten Bemerkung bemüht er sich, zu zeigen, dass Gott durch das Weibliche eher zu erkennen sei als durch den Mann, da in der Frau aktives und passives Element gleichermaßen vorhanden sei.“

Quelle der Zitate: „Sufismus“ Annemarie Schimmel, 2003, C.H. Beck