Was versteht man unter „Sufismus“?

Posted on 25. Dezember 2012

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Die  sogenannte „Forschungszeitschrift über Alevitentum und Bektaschitentum“ startet in ihrer aktuellen Ausgaben 6/2012 eine Serie „Einführung in den Sufismus (1) – Wesensmerkmale des Sufismus“. Einleitend heißt es dort:

„Wenn man über Sufismus spricht, mein man gemeinhin die mystische Strömung innerhalb der islamischen Tradition. Unter dem Begriff „mystisch“ versteht man hierbei eine Bemühung des Menschen, eine unmittelbahre Erfahrung Gottes zu erreichen. diese Bemühung steht oft im Gegensatz zu einem traditionellen Religions- bzw. Gottesverständnisses, dass von einer unüberbrückbaren Kluft zwischen Mensch und Gott ausgeht und die Bestimmung des Menschen ausschließlich im Gehorsam gegenüber den von Gott an die Menschen vermittelten Geboten sieht […]“

Unter der Unterschrift „Der spirituelle Pfad „tariquat“ heißt es weiter:

„Die Reise des Mystikers ist sehr eng mit der Vervollkommnung des Menschen verknüpft. Der Mensch, der anfangs seine Unvollkommenheit, Mangelhaftigkeit und seine Begrenztheit verspürt und sich von seinen verwerflichen Eigenschaften beherrscht sieht, trachtet nach Vervollkommnung und macht sich so auf die Reise zu Gott, um Vollkommenheit zu erreichen. Wie schon anfangs angedeutet, weichen die Bestimmunge des Zieles des Sufismus zuweilen sehr stark voneinander ab, da auch hier die Definitionen des spirituellen Pfades nur unter Berücksichtigung des jeweiligen Rahmens und der spirituellen Konsitution der Zuhörerschaft zu deuten sind und keinerlei allgemeingültigen Charakter haben. Im Rahmen dieses Artikels soll es deshalb genügen den spirituellen Pfad als eine Reise von der Unvollkommenhiet des Menschen zur Vollkommenheit zu verstehen. Der Prozess der Vervollkommnung des Menschen erfolgt durch das Ablegen der schlechten, verwerflichen Eigenschaften des Menschen, weshalb Junayd gar unter Sufismus ein „Heraustreten aus allen niedrigen Eigenschaften und das Hineintreten in alle erhabenen Eigenschaften“ verstehen kann. “ (1)

Annemarie Schimmel beschreibt es so:

„Was für Einflüsse auf den entstehenden Sufismus im 8. und 9. Jahrhundert eingewirkt haben, wird sich nie im einzelnen feststellen lassen. Es waren sicher nicht nur Kontakte mit den christlichen eremiten, die eine gewisse Wikrung auf die Ideale der asketischen Frommen hatten; man kann ein wenig später auch an einzelne buddhistische Einflüsse denken. […] Aber schließlich waren im gesamten Orient seit hellenistischer Zeit mystische, gnostische und hermetische Gedanken verbreitet, die sicher auch auf einige Sufis in der Frühzeit gewirkt haben; doch ist ein genauer Nachwei solcher Einflüsse schwer zu führen, da sie gewissermaßen in der Luft lagen. In den folgenden Jahrhunderten nehmen solche Einflüsse Gestalt an, als griechische philosophische Gedanken dank den arabischen Übersetzungen griechischer Werke, vor allem der sogenannten „Theologie des Aristoteles“, einem neuplatonischen Werk, bekannt wurden, so dass man etwa das System des großen Theosophen Ibn‘ Arabi als „islamisierte Form des Neuplatonismus“ bezeichnet hat – ähnlich wie Indologen und Hindus in diesem System und in vielen anderen Äußerungen der Sufis eine islamisierte Form der indischen Vedanta-Spekulation sehen.“ (2)

Quellen: (1) Forschungszeitschrift über Alevitentum und Bektaschitentum 6/2012, Hg. Alevitisch-Bektaschitische Kulturinstitut e. V.   (2) „Sufismus“, Annemarie Schmimmel, C. H. Beck, 2003

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