Ibn Arabi (3): Vollkommener Mensch (insan al-kamil)

Posted on 21. Januar 2013

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Muhyiddin Ibn ArabiDen „Fünften Präsenz“ nennt Muhyiddin Ibn Arabi „Vollkommener Mensch“ („insan al-kamil“) und beschreibt diesen so:

„Der Vollkommene Mensch besitzt den Grad der Vereinigung […] und enthält in sich die Universen von mulk, malakut, jabarut und lahut.“

Ibn Arabi zitiert zur Untermalung seiner These ‚Hazreti Ali‘ (Ali ibn Abi-Talib):

„Du dachtest dich selbst als Teil, klein;
Während in dir ein Universum ist, das Größte.“

Plötzlich wird einiges klar. Es hat nach Hallaci Mansur eine mystische Tradierung gegeben über „ana’l haqq“. Muhyiddin Ibn Arabi leitet die mystische Interpretation des Islam aus dem Koran und den Hadithen und den Worten Alis ab. Haci Bektasi Veli, der später auch von der Interpretation Ibn Arabis beeinflusst wurde, lässt die Koranzitate weg, vermittelt aber die gleich „Idee“. Auch Spuler-Stegmann stellt diese Beziehung in ihrem Gutachten fest:

„Auf diesen von Ibn al-‚Arabi‘ besonders herausgearbeiteten Grundprinzipien hat Haci Bektas seine Lehre aufgebaut; die ekstatischen Übungen sind als Wege zu verstehen, die zu dieser Gotteserfahrung führen. Dergleichen Praktiken sind im Sufitum durchaus üblich.“

So kommt den Aleviten die Verknüpfung zum überlieferten Wort (Koran) etwas abhanden. Das tut der Richtigkeit keinen Abbruch: Muhyiddin Ibn Arabi ist der Schlüssel und die Brücke vom orthodoxen Islam über die islamische Mystik zum Alevitentum.

Und er hört auch bei Ali nicht auf. Er bezieht sich auch auf den Koran, wenn er vom Vollkommenen (Vollständigen) Menschen spricht:

„Ein Name für den Vollständigen Menschen ist alif, lam, mim, genauso wie der Anfang des Koran lautet ‚Alif, lam, mim‘. Dies ist das Buch, in dem es keinen Zweifel gibt.‘ Ein Hadith sagt: ‚Mensch und Koran sind Zwillinge.‘

Das interpretiert Ibn Arabi so: „Hier ist der Mensch der Vollständige Mensch gemeint“ und führt zuende: „Der Mensch ist der Vizeregent Gottes, und er ist ein Spiegel, der in widerspiegelt. Es gibt keine Stufe, die nicht in der Essenz des vollständigen Menschen enthalten ist.“

„Hätte der Gnostiker sich selbst wirklich gekannt,  wäre er nicht in irgendeiner Überzeugung gefangen.“

Ibn Arabi beschreibt, dass ein Mensch, der sich kennt und die göttliche Kraft wirklich erkannt hat, sich nicht mehr um die äußere Form kümmern muss. So dass die nominelle Religion (Islam, Christentum, Judentum) nebensächlich wird:

„Denke niemals, dass der Vollständige Mensch ein Mensch ohne Glaube oder Weg sei. Sein Weg und sein Glaube sind in der Existenz des Göttlichen Wunsches und in der Existenz des Göttlichen Befehls. Ihr Glaube ist kein metaphorischer Weg oder Glaube. Einige Leute Gottes antworten auf die Frage ‚Von welchem Pfad stammst du?‘: „Ich bin vom Pfad Gottes.“

Und wenn diese so schlichte Erklärung des Vollkommenen Menschen im Alevitentum ihren Platz gefunden hat, ist auch deren Toleranz nachvollziehbar. Dieser Kern harmonisiert natürlich mit anderen Religionen. Das heißt dann aber nicht zwingend, dass die alevitische Lehre synkretisch ist. Manche Menschen alevitischer Abstammung bezeichnen sich ja als ‚Atheisten‘, was aus religiöser Sicht absurd ist, aber Ibn Arabi scheint diese Beurteilung zu ahnen und beantwortet sie mit obigem Zitat. Und als „Pfad“ (türk. ‚yol‘) bezeichnen Aleviten heute noch ihren Glauben.

Sichtweise des Gnostikers

Das Verhältnis der Aleviten zum orthodoxen Islam und sogar anderen Religionen ist ähnlich wie es Ibn Arabi am Beispiel des Gnostikers* beschreibt:  Der Gnostiker sei nicht an einen Glauben gebunden und würde er seine innere Überzeugung öffentlich kundtun, würde man ihn sofort töten. So handle dieser nach der Maxime ‚Sprich zu den Leuten gemäß ihrer Intelligenz‘. Das sei auch keine Heuchelei, denn „die Sichtweise des Gnostikers ist weit. In ihr sind sogar die beiden gegensätzlichen Überzeugungen vereint.“

*) Gnostiker:  Kenner des geheimen, religiösen Wissens

Quelle: „Der verborgene Schatz“, Muhyiddin Ibn Arabi, deutschsprachige Übersetzung, Chalice Verlag, Zürich, 2006