Alevitisch-Bektaschitisches Kulturinstitut: Bericht über die Lage der Aleviten in der Türkei

Posted on 17. September 2013

0


Alevitisch-Bektaschitisches Kulturinstitut e. V.

Alevitisch-Bektaschitisches Kulturinstitut e. V.

Das Alevitisch-Bektaschitische Kulturinstitut e. V. hat einen aktuellen Bericht über die Lage der Aleviten in der Türkei veröffentlicht. Darin werden fünf Hauptprobleme festgemacht. Doch zunächst wird die langjährige alevitische Tradition und die Grundidee thematisiert: Zuerst sich selbst kenne, eigene Schwächen und Fehler ausräumen – Wenn jeder mit dieser Maxime handelt, entstünde die Gesellschaft der vollkommenen Menschen. Demgemäß heißt das Gebot „Das größte Buch zu lesen ist der Mensch“. Das Alevitentum kennt keine Unterschiede zwischen Menschen aufgrund von Sprache, Nation, Religion oder Geschlecht – alle werden gleichermaßen geachtet. Das Institut hat folgende fünf Aspekte in dem Bericht zusammengefasst:

1. Fehlendes Vertrauen und mangelnde Dialogbereitschaft

Die Anstrengung die Aleviten zu assimilieren nehmen zu. Wer nicht am Freitagsgebet teilnimmt oder zur richtigen (sunnitischen) Zeite fastet, erfährt gesellschaftlichen Druck, der bis zur Ausgrenzung führt. Viele Aleviten fürchten hier berufliche Auswirkungen, falls sie dem nicht nachkommen. Doch eine steigende Zahl Aleviten flüchtet sich nicht wie früher unter einen „sunnitischen Deckmantel“ sondern bringt seinen Unmut verbal agressiver zum Ausdruck, was zur Zuspitzung führt.

2. Türkisches Amt für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet)

Das Religionsamt setzt in allen Lebensbereichen eine rein sunnitische Religionspraxis um, die darin gipfelt das selbst in Dörfern mit ausschließlich alevitischen Bewohnern Moscheen gebaut werden. Anträge von Aleviten in Bezug auf ihre Religionsausübung landen beim Religionsamt, das diese gemäß der eigenen Interpretation ablehnt.

3. Religionsunterricht

Das Pflichtfach „Religionsunterricht“ in den türkischen Schulen vermittelt ausschließlich die sunnitische Religionslehre. Alevitische Schüler sind gezwungen an diesem Unterricht teilzunehmen. Es gibt keine Alternativen. Aufgrund eines Urteils des Menschenrechtshofs wurden ein paar Alibi-Kapitel eingefügt, die aber eher oberflächlich sind und nicht die alevitische Lehre beschreiben, sondern eher einen eher schiitischen Islam skizzieren.

4. Nicht-Anerkennung der Cem-Häuser als Gebetshäuser

Die Gebetshäuser der Aleviten (Cem-Haus) sind in der Türkei nicht als Gotteshaus anerkannt. Die Gebetspraxis und die Rituale im Cem sind aber charakteristisch für das Alevitentum und gelten als Alleinstellungsmerkmal. Während die Aleviten mit ihren Steuergeldern das Türkische Religionsamt finanzieren, baut dieses Moscheen, die obendrein auch noch Wasser und Strom vergünstigt bis kostenlos erhalten.

5. Wissenschaftliches Institut für Alevitentum

In der Türkei fehlt ein wissenschaftliches Institut für Alevitentum, das losgelöst von der politischen Entwicklung die alevitische Tradition tiefgründiger recherchiert und analysiert und dieses Wissen weitergibt. Dies fällt nicht zuletzt deshalb schwer, weil Aleviten seit Gedenken immer gezwungen sind ihre Religion heimlich zu praktizieren und gleichzeit die früheren Regierenden sämtlichen historischen Dokumente immer mit den Aleviten vernichteten.

Der Bericht wurde am 26. August 2013 an den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül übergeben.